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Warum sich Kritik vom Chef länger festsetzt als Lob: Das Negativitätsbias im Führungsalltag

· 5 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt zusammengefasst:

Eine Führungskraft nennt mehrere positive Aspekte und anschließend einen kritischen Punkt. Trotzdem beschäftigt sich der Mitarbeitende später vor allem mit der Kritik. Negative Informationen können mehr Aufmerksamkeit erhalten, stärker gewichtet und besser erinnert werden als positive Informationen.

Der Beitrag erklärt, warum Kritik durch Führungskräfte eine besondere Bedeutung bekommen kann und weshalb Lob und Kritik psychologisch nicht zwangsläufig das gleiche Gewicht haben. Er zeigt außerdem, wie Führungskräfte kritische Rückmeldungen klar formulieren und positive Leistungen ebenso konkret und glaubwürdig sichtbar machen können.

Das Gespräch ist fast vorbei. Die Führungskraft hat mehrere Dinge hervorgehoben, die gut gelaufen sind. Die Vorbereitung war gründlich, die Abstimmung im Team funktionierte und das Ergebnis überzeugte. Dann folgt ein kritischer Hinweis: „Bei der Präsentation hättest du souveräner auftreten können.“

Am Abend erinnert sich der Mitarbeitende kaum noch an die positiven Rückmeldungen. Stattdessen geht ihm ein Gedanke immer wieder durch den Kopf: „Ich wirke nicht souverän.“

Für die Führungskraft war es ein einzelner Verbesserungshinweis. Für den Mitarbeitenden kann er zum bestimmenden Inhalt des gesamten Gesprächs werden.

Eine kritische Bemerkung kann psychologisch mehr Gewicht bekommen als mehrere positive Rückmeldungen.

Warum Negatives stärker wirken kann

Menschen verarbeiten positive und negative Informationen nicht immer auf die gleiche Weise. Eine wissenschaftliche Übersicht zeigt, dass negative Informationen unter bestimmten Bedingungen mehr Aufmerksamkeit erhalten, besser erinnert und bei Bewertungen stärker gewichtet werden können als positive Informationen (Unkelbach et al., 2020).

Ein möglicher Grund liegt darin, dass negative Informationen häufig stärker von Erwartungen abweichen. Wenn im Arbeitsalltag vieles funktioniert, fällt ein Fehler besonders auf. Er signalisiert möglicherweise ein Problem, das geprüft oder behoben werden muss. Die Aufmerksamkeit richtet sich deshalb verstärkt darauf.

Der Begriff Negativitätsbias darf jedoch nicht zu der vereinfachten Annahme führen, dass jede negative Information immer stärker wirkt als jede positive. Forschung zeigt auch Vorteile bei der Verarbeitung positiver Informationen. Corns (2018) kritisiert daher die pauschale Vorstellung, Negatives sei grundsätzlich wirkungsvoller als Positives. Entscheidend sind unter anderem der Kontext, die Bedeutung der Rückmeldung und die persönliche Situation.

Für Führung bedeutet das: Lob und Kritik haben psychologisch nicht zwangsläufig das gleiche Gewicht. Es gibt jedoch keine feste Formel, wie viele positive Rückmeldungen notwendig sind, um einen Kritikpunkt auszugleichen.

Warum Kritik durch Führungskräfte besonders bedeutsam ist

Kritik durch eine Führungskraft enthält nicht nur eine Information über eine Aufgabe. Sie kann zugleich als soziale Bewertung verstanden werden. Führungskräfte haben Einfluss auf Verantwortungsbereiche, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten und berufliche Perspektiven.

Eine unklare oder pauschale Aussage kann deshalb schnell über das konkrete Verhalten hinausgehen. Aus „Die Präsentation war an einigen Stellen noch nicht klar genug“ kann in der Wahrnehmung des Gegenübers „Ich kann nicht gut präsentieren“ werden. Besonders problematisch wird es, wenn Kritik auf die Persönlichkeit zielt: „Du bist einfach nicht durchsetzungsstark“ oder „Du bist nicht sorgfältig genug.“

Solche Formulierungen lassen wenig erkennen, was genau verändert werden soll. Sie können negative Emotionen auslösen und die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Entwicklungsaufgabe weglenken. Mitarbeitende beschäftigen sich dann möglicherweise stärker mit der persönlichen Bewertung als mit der Frage, wie sie ihr Verhalten verbessern können.

Kritik braucht einen konkreten Bezug

Kritisches Feedback sollte sich auf ein beobachtbares Verhalten oder ein nachvollziehbares Ergebnis beziehen. Statt „Du arbeitest zu unstrukturiert“ ist eine konkrete Rückmeldung hilfreicher:

„In der Projektübersicht fehlten die Verantwortlichkeiten und Fristen. Ergänze diese bitte, damit das Team die nächsten Schritte eindeutig zuordnen kann.“

Die Rückmeldung benennt, was beobachtet wurde, welche Auswirkung es hatte und was künftig anders gemacht werden soll. Dadurch wird aus einer allgemeinen Bewertung eine bearbeitbare Entwicklungsaufgabe.

Auch der Zeitpunkt und der Rahmen sind wichtig. Kritische Rückmeldungen sollten möglichst zeitnah erfolgen, aber nicht spontan vor anderen Personen. Ein ruhiges Gespräch erleichtert es, die Perspektive des Gegenübers einzubeziehen und gemeinsam konkrete nächste Schritte zu vereinbaren.

Positives Feedback darf nicht vage bleiben

Während Kritik häufig ausführlich begründet wird, bleibt positives Feedback oft allgemein: „Gut gemacht“, „Passt so“ oder „Ansonsten war alles in Ordnung.“ Solche Aussagen sind freundlich, zeigen aber kaum, welches Verhalten erfolgreich war und künftig beibehalten werden sollte.

Konkretes positives Feedback könnte stattdessen lauten:

„Du hast die Risiken frühzeitig angesprochen und die Beteiligten rechtzeitig eingebunden. Dadurch konnten wir das Problem lösen, bevor es den Zeitplan beeinflusst hat.“

Eine Meta-Analyse mit 112 unabhängigen Stichproben und insgesamt 31.089 Beschäftigten zeigt, dass eine unterstützende Feedbackumgebung unter anderem mit Feedbackorientierung, der Qualität der Beziehung zur Führungskraft und der wahrgenommenen Leistung zusammenhängt. Zudem ging eine unterstützende Feedbackumgebung mit einem geringeren Burnout-Erleben einher (Katz et al., 2021).

Es kommt deshalb nicht nur auf einzelne Rückmeldungen an. Entscheidend ist auch, ob Mitarbeitende im Alltag regelmäßig hilfreiches, glaubwürdiges und nachvollziehbares Feedback erhalten.

Wie Führung mit Lob und Kritik umgehen kann

  • Positives Feedback konkretisieren: Benenne das Verhalten, die Wirkung und den Beitrag zum gemeinsamen Ergebnis.
  • Kritik auf Verhalten beziehen: Beschreibe beobachtbare Situationen und vermeide pauschale Aussagen über den Charakter oder die Persönlichkeit.
  • Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen: Kläre, was die Person beim nächsten Mal konkret anders machen kann und welche Unterstützung sie dafür benötigt.
  • Nicht nur bei Problemen reagieren: Gib Rückmeldung, wenn etwas gelingt, und nicht erst dann, wenn ein Fehler entstanden ist.
  • Fortschritte sichtbar machen: Greife nach einem kritischen Gespräch erneut auf, was sich verbessert hat. So bleibt nicht nur der ursprüngliche Fehler im Gedächtnis.
  • Die entscheidende Frage lautet: Welche meiner Rückmeldungen bleiben meinen Mitarbeitenden vermutlich am längsten im Gedächtnis?

Reflexion

„Wie konkret ist mein positives Feedback im Vergleich zu meiner Kritik?“

„Welche meiner Formulierungen könnten als persönliche Bewertung verstanden werden?“

„Gebe ich positives Feedback regelmäßig oder nur bei besonderen Leistungen?“

„Spreche ich nach einem Kritikgespräch auch erkennbare Fortschritte an?“

Fazit

Kritik sollte nicht vermieden oder abgeschwächt werden, wenn eine klare Rückmeldung notwendig ist. Führungskräfte sollten sich jedoch bewusst sein, dass einzelne negative Aussagen besonders viel Aufmerksamkeit erhalten und länger nachwirken können.

Gutes Feedback macht deshalb beides sichtbar: Es benennt konkret, was verändert werden sollte, und zeigt ebenso nachvollziehbar, welches Verhalten bereits wirksam ist. So wird Kritik zu einer bearbeitbaren Entwicklungsaufgabe und Anerkennung zu einer hilfreichen Orientierung.

Literatur:

Corns, J. (2018). Rethinking the negativity bias. Review of Philosophy and Psychology, 9(3), 607–625.

Katz, I. M., Rauvola, R. S., & Rudolph, C. W. (2021). Feedback environment: A meta-analysis. International Journal of Selection and Assessment, 29(3–4), 305–325.

Unkelbach, C., Alves, H., & Koch, A. (2020). Negativity bias, positivity bias, and valence asymmetries: Explaining the differential processing of positive and negative information. Advances in Experimental Social Psychology, 62, 115–187.

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