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Der Preis der Unersetzlichkeit: Warum das Gehirn Wissen und Verantwortung nur ungern abgibt

· 6 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt zusammengefasst:

Viele Führungskräfte wissen, dass sie stärker delegieren sollten. Trotzdem treffen sie wichtige Entscheidungen weiterhin selbst, greifen frühzeitig ein und behalten entscheidendes Wissen bei sich. Dahinter steht nicht immer mangelndes Vertrauen. Kontrolle, Kompetenz und das Gefühl, für ein Thema unverzichtbar zu sein, können eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden sein.

Der Beitrag erklärt, warum psychologischer Besitz das Loslassen erschweren kann und wie aus besonderer Kompetenz ein organisatorischer Engpass entsteht. Er zeigt außerdem, was Führungskräfte verändern können, damit aus der Weitergabe einzelner Aufgaben eine echte Übergabe von Wissen, Entscheidungsspielraum und Verantwortung wird.

Der Preis der Unersetzlichkeit: Warum das Gehirn Wissen und Verantwortung nur ungern abgibt

„Ich mache es lieber schnell selbst.“

Der Satz fällt häufig dann, wenn die Zeit knapp ist, die Aufgabe wichtig erscheint oder das Ergebnis bestimmten Ansprüchen genügen soll. Die Führungskraft übernimmt noch einmal die Präsentation, beantwortet die schwierige Kundenanfrage selbst und kontrolliert die letzten Details des Projekts.

Kurzfristig kann das effizient sein. Die Führungskraft kennt das Thema, verfügt über Erfahrung und erreicht schnell das gewünschte Ergebnis. Langfristig entsteht jedoch ein Problem: Wichtige Entscheidungen laufen weiterhin über eine Person. Wissen wird nicht ausreichend weitergegeben und Mitarbeitende sammeln kaum Erfahrungen darin, Verantwortung selbstständig zu übernehmen.

Wer überall gebraucht wird, wirkt unverzichtbar, kann aber gleichzeitig selbst zum Engpass werden.

Warum sich Verantwortung wie Besitz anfühlen kann

Menschen können nicht nur gegenüber Gegenständen ein Gefühl von Besitz entwickeln. Auch Ideen, Aufgaben oder Verantwortungsbereiche können als etwas Eigenes erlebt werden: „Das ist mein Thema“, „Dafür bin ich zuständig“ oder „Nur ich kenne alle Zusammenhänge.“

Die Forschung beschreibt dieses Erleben als psychologischen Besitz. Gemeint ist das subjektive Gefühl, dass etwas zu einem selbst gehört, unabhängig davon, wem es formal zugeordnet ist. Psychologischer Besitz kann beeinflussen, wie Menschen das betreffende Objekt und sich selbst wahrnehmen. Besitz und Selbstbild können dadurch eng miteinander verbunden werden (Morewedge, 2021).

Für Führungskräfte kann die Übergabe eines langjährigen Verantwortungsbereichs deshalb mehr bedeuten als eine organisatorische Veränderung. Sie geben möglicherweise einen Bereich ab, in dem sie Sicherheit, Anerkennung und Einfluss erleben. Delegation kann sich dann wie ein Verlust der eigenen Bedeutung anfühlen, selbst wenn sie sachlich sinnvoll wäre.

Wenn Kompetenz zum Engpass wird

Wer einen Bereich lange verantwortet, kennt die Abläufe, Risiken und Besonderheiten. Entscheidungen fallen leichter, weil viele Situationen bereits vertraut sind. Diese Kompetenz ist wertvoll. Problematisch wird sie, wenn das Funktionieren des Bereichs dauerhaft von einer einzelnen Person abhängt.

Typische Anzeichen sind:

• Entscheidungen müssen weiterhin von der Führungskraft bestätigt werden.

• Mitarbeitende erhalten Aufgaben, aber kaum eigenen Entscheidungsspielraum.

• Informationen werden bei Bedarf weitergegeben, aber nicht systematisch dokumentiert.

• Die Führungskraft greift ein, sobald ein anderes Vorgehen gewählt wird.

• In Abwesenheit der Führungskraft bleiben Vorgänge liegen.

So entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Die Führungskraft erlebt, dass ohne sie vieles nicht funktioniert. Gleichzeitig erhalten Mitarbeitende zu wenige Möglichkeiten, Wissen aufzubauen, Entscheidungen zu treffen und Sicherheit zu entwickeln. Die vermeintliche Unersetzlichkeit bestätigt sich dadurch immer wieder selbst.

Stärke wird zum Engpass, wenn Wissen und Verantwortung dauerhaft an eine Person gebunden bleiben.

Warum Wissen manchmal nicht vollständig geteilt wird

Wissen kann Einfluss, Sicherheit und berufliche Bedeutung vermitteln. Wer über Informationen verfügt, die andere benötigen, wird regelmäßig einbezogen und gefragt. Die Weitergabe dieses Wissens kann deshalb unbewusst mit der Sorge verbunden sein, an Bedeutung zu verlieren.

Ein Forschungsüberblick zum sogenannten Knowledge Hiding zeigt, dass das Zurückhalten von Wissen unterschiedliche persönliche und organisationale Ursachen haben kann. Dazu gehören unter anderem psychologischer Besitz, Identität, Wettbewerb und die erwarteten Folgen einer Weitergabe (Anand et al., 2020).

Nicht jede fehlende Dokumentation ist bewusstes Zurückhalten. Häufig fehlen schlicht Zeit, geeignete Strukturen oder die Gewohnheit, Wissen systematisch festzuhalten. Entscheidend ist das Ergebnis: Bleibt relevantes Wissen bei einzelnen Personen, wird die Organisation abhängig und im Vertretungsfall handlungsunfähig.

Delegation ist mehr als Aufgabenverteilung

Eine Aufgabe zu übertragen bedeutet noch nicht, Verantwortung zu delegieren. Wenn jeder Arbeitsschritt vorgegeben, jede Entscheidung kontrolliert und jedes Ergebnis frühzeitig korrigiert wird, bleibt die tatsächliche Verantwortung bei der Führungskraft.

Eine Meta-Analyse mit 105 Stichproben zeigt positive Zusammenhänge zwischen Empowering Leadership und Leistung, freiwilligem Arbeitsengagement sowie Kreativität auf individueller und auf Teamebene. Dabei spielten unter anderem psychologisches Empowerment und das Vertrauen in die Führungskraft eine vermittelnde Rolle (Lee et al., 2018).

Auch autonomieunterstützende Führung steht deutlich mit selbstbestimmter Motivation in Verbindung. Eine Meta-Analyse von 83 Stichproben mit insgesamt 32.870 Beschäftigten zeigt zudem Zusammenhänge mit Wohlbefinden, Leistung und förderlichem Arbeitsverhalten (Slemp et al., 2018).

Delegation braucht deshalb einen klaren Rahmen und echte Handlungsmöglichkeiten. Mitarbeitende müssen nicht nur wissen, was sie erledigen sollen, sondern auch, was sie selbst entscheiden dürfen.

Wie Führung Verantwortung wirklich übergeben kann

  • Ergebnis und Grenzen klären: Beschreibe, welches Ergebnis erreicht werden soll, welche Anforderungen verbindlich sind und wo Entscheidungsspielraum besteht.
  • Informationen mit der Aufgabe übergeben: Teile relevante Hintergründe, Kontakte, Erfahrungswerte und Risiken. Verantwortung ohne ausreichende Informationen bleibt eine formale Übertragung.
  • Entscheidungen ausdrücklich übertragen: Sage konkret, welche Entscheidungen die Person selbst treffen kann und wann eine Rücksprache erforderlich ist.
  • Nicht bei jedem Zwischenschritt eingreifen: Vereinbare sinnvolle Abstimmungspunkte. Gib Mitarbeitenden dazwischen ausreichend Raum für ein eigenes Vorgehen.
  • Abweichungen zulassen: Ein anderer Weg ist nicht automatisch ein schlechterer Weg. Prüfe zuerst das Ergebnis, bevor du die Vorgehensweise korrigierst.
  • Wissen systematisch sichern: Dokumentiere Abläufe, verteile Zugänge und entwickle Vertretungsregelungen. Wissenstransfer sollte nicht erst beginnen, wenn eine Person ausfällt.
  • Die entscheidende Frage lautet: Wo bin ich wirklich unverzichtbar und wo habe ich mich selbst unverzichtbar gemacht?

Reflexion

„Welche Entscheidungen laufen unnötigerweise noch über mich?“

„Welches Wissen befindet sich hauptsächlich bei mir?“

„Wo delegiere ich Aufgaben, behalte aber den entscheidenden Einfluss?“

„Welche Informationen und Befugnisse brauchen andere, um wirklich Verantwortung übernehmen zu können?“

Fazit

Unersetzlichkeit kann sich zunächst wie ein Zeichen besonderer Kompetenz anfühlen. Für die Organisation und die Führungskraft selbst hat sie jedoch einen Preis. Entscheidungen verzögern sich, Wissen bleibt gebunden und die operative Belastung nimmt dauerhaft zu.

Gute Führung zeigt sich nicht darin, überall persönlich gebraucht zu werden. Sie schafft Strukturen, in denen Wissen zugänglich ist, Entscheidungen an der richtigen Stelle getroffen werden und Verantwortung auch ohne die permanente Beteiligung der Führungskraft übernommen werden kann.

Literatur:

Anand, A., Centobelli, P., & Cerchione, R. (2020). Why should I share knowledge with others? A review-based framework on events leading to knowledge hiding. Journal of Organizational Change Management, 33(2), 379–399.

Lee, A., Willis, S., & Tian, A. W. (2018). Empowering leadership: A meta-analytic examination of incremental contribution, mediation, and moderation. Journal of Organizational Behavior, 39(3), 306–325.

Morewedge, C. K. (2021). Psychological ownership: Implicit and explicit. Current Opinion in Psychology, 39, 125–132.

Slemp, G. R., Kern, M. L., Patrick, K. J., & Ryan, R. M. (2018). Leader autonomy support in the workplace: A meta-analytic review. Motivation and Emotion, 42(5), 706–724.

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