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Wenn gute Mitarbeitende plötzlich kündigen: Psychologische Warnsignale vor dem Rückzug

· 8 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Die Kündigung einer bisher engagierten Person wirkt für Führungskraft und Team oft überraschend. Rückblickend waren möglicherweise Veränderungen erkennbar, wie weniger Ideen, kaum noch freiwillige Beiträge, eine knappere Kommunikation oder der Rückzug aus dem informellen Austausch. Solche Veränderungen können auf wachsende Distanz hindeuten, sind aber kein Beweis für einen Kündigungswunsch.

Führungskräfte können psychologischen Rückzug früher wahrnehmen, wenn sie nicht nur Ergebnisse betrachten, sondern auch Veränderungen in Beteiligung, Verhalten und Kommunikation. Entscheidend sind offene Gespräche, nachvollziehbare Reaktionen auf angesprochene Probleme und regelmäßige Fragen nach Belastung, Bindung und Perspektiven. Führung kann nicht jede Kündigung verhindern. Sie kann aber dazu beitragen, dass Gründe für einen Rückzug früher sichtbar und besprechbar werden.

Wenn gute Mitarbeitende plötzlich kündigen: Psychologische Warnsignale vor dem Rückzug

Eine Mitarbeiterin, die sich über Jahre eingebracht hat, bittet um ein Gespräch. Sie war zuverlässig, hat Verantwortung übernommen und häufig mitgedacht. Nun legt sie ihre Kündigung auf den Tisch.

Die Führungskraft ist überrascht. Auch das Team hat nicht damit gerechnet. Erst im Rückblick fallen Veränderungen auf. In den vergangenen Monaten kamen weniger Ideen. Die Mitarbeiterin beteiligte sich seltener an Diskussionen, hielt sich aus informellen Gesprächen heraus und übernahm kaum noch zusätzliche Aufgaben.

Die Kündigung kam plötzlich. Der innere Abschied möglicherweise nicht.

Kündigen ist selten nur ein einziger Moment

Eine Kündigung ist eine konkrete Entscheidung. Der Weg dorthin kann jedoch sehr unterschiedlich verlaufen. Forschung zu freiwilliger Fluktuation beschreibt unter anderem schrittweise Veränderungen in Arbeitszufriedenheit, Bindung, Wechselgedanken und Jobsuche. Gleichzeitig können einzelne Ereignisse oder Veränderungen außerhalb der Arbeit eine Entscheidung deutlich beschleunigen (Hom et al., 2017; Rubenstein et al., 2018).

Es gibt deshalb keinen festen Ablauf, der bei allen Mitarbeitenden gleich aussieht. Manche Menschen möchten gehen, können diesen Schritt aber zunächst nicht umsetzen. Andere möchten eigentlich bleiben, verlassen die Organisation jedoch aufgrund veränderter persönlicher oder beruflicher Bedingungen. Studien zu solchen unterschiedlichen Rückzugszuständen zeigen, wie begrenzt einzelne Einstellungen oder Verhaltensweisen tatsächliche Kündigungen vorhersagen können (Li et al., 2016).

Psychologischer Rückzug sollte daher nicht als Diagnose verstanden werden. Der Begriff beschreibt hier eine zunehmende innere Distanz zur Arbeit oder Organisation. Sie kann sich darin zeigen, dass Bindung und Identifikation abnehmen und eine Person weniger zusätzliche Energie einbringt. Die vereinbarten Aufgaben werden möglicherweise weiterhin zuverlässig erledigt. Was sich verändert, liegt zunächst oft außerhalb der formalen Stellenbeschreibung.

Rückzug zeigt sich häufig zuerst im Weglassen

Führungskräfte bemerken Rückzug nicht immer an einem sichtbaren Leistungsabfall. Häufig fällt eher weg, was zuvor selbstverständlich wirkte, wie Nachfragen, Ideen, Widerspruch, freiwillige Unterstützung oder Interesse an der weiteren Entwicklung des Bereichs.

Weniger Beteiligung in Besprechungen: Eine Person, die früher regelmäßig Fragen gestellt oder Perspektiven ergänzt hat, bleibt zunehmend still.

Kaum noch Verbesserungsvorschläge: Probleme werden weiterhin gesehen, aber nicht mehr angesprochen. Hinweise kommen erst, wenn ausdrücklich danach gefragt wird.

Kürzere und sachlichere Kommunikation: Der Austausch beschränkt sich stärker auf das Notwendige. Persönliche Einschätzungen, Rückfragen und spontane Gespräche nehmen ab.

Weniger Interesse an langfristigen Themen: Entwicklungspläne, zukünftige Projekte oder Veränderungen im kommenden Jahr lösen kaum noch erkennbare Beteiligung aus.

Rückzug aus dem informellen Austausch: Pausengespräche, freiwillige Treffen oder der kurze Austausch nach einer Besprechung werden seltener.

Nur noch klar definierte Aufgaben: Die Person arbeitet weiterhin korrekt, übernimmt aber kaum noch zusätzliche Verantwortung oder freiwillige Beiträge.

Keines dieser Anzeichen beweist eine Kündigungsabsicht. Entscheidend ist nicht das einzelne Verhalten, sondern eine deutliche Veränderung gegenüber früher und ein Muster, das über längere Zeit bestehen bleibt.

Warum Schweigen mehr als Desinteresse sein kann

In der Forschung wird Employee Silence als bewusstes Zurückhalten von Informationen, Einschätzungen oder Anliegen beschrieben. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Beschäftigte schweigen möglicherweise, weil sie negative Reaktionen befürchten, weil sie ihren Beitrag für wirkungslos halten oder weil sie andere schützen möchten. Schweigen und das aktive Einbringen von Ideen sind deshalb nicht einfach zwei Enden derselben Skala (Lotfi Dehkharghani et al., 2023).

Auch Erschöpfung kann eine Rolle spielen. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 84 Studien und insgesamt 34.975 Beschäftigten fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen stärkerem Schweigen und höherem Burnout. Geringere Beteiligung kann also mit emotionaler Erschöpfung zusammenhängen. Die Daten zeigen jedoch keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung und erlauben keine Aussage darüber, ob eine einzelne schweigende Person kündigen möchte (Lainidi et al., 2025).

Für Führung ist noch ein anderer Punkt wichtig. Es reicht nicht immer, Mitarbeitenden grundsätzlich die Möglichkeit zum Sprechen zu geben. In einer Studie zu unterschiedlichen Dimensionen von Employee Voice hing besonders stark mit der Kündigungsabsicht zusammen, wie Mitarbeitende die Reaktion auf ihre Anliegen bewerteten. Entscheidend war also auch, ob Führung zuhörte, antwortete und angesprochene Probleme nachvollziehbar weiterbearbeitete. Dabei handelt es sich um einen Zusammenhang, nicht um den Nachweis einer eindeutigen Ursache (Guarin et al., 2025).

Was Führung frühzeitig tun kann

Veränderungen konkret ansprechen: Statt einen Kündigungswunsch zu unterstellen, kann die Führungskraft eine wertfreie Beobachtung schildern. Zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass du dich in unseren Besprechungen in letzter Zeit weniger einbringst als früher. Wie erlebst du die aktuelle Situation?“

Nicht nur auf Leistung schauen: Gute Ergebnisse können verdecken, dass Bindung, Energie oder Motivation bereits abnehmen. Deshalb sollten Gespräche auch Belastung, Zusammenarbeit und Perspektiven einbeziehen.

Wiederkehrende Kritik ernst nehmen: Wenn dasselbe Problem mehrfach angesprochen wird, braucht es entweder eine Lösung oder eine nachvollziehbare Erklärung, warum eine Veränderung derzeit nicht möglich ist.

Rückmeldeschleifen schließen: Mitarbeitende sollten erkennen können, was aus ihren Hinweisen geworden ist. Auch eine begründete Absage ist hilfreicher als dauerhaftes Schweigen.

Perspektiven konkretisieren: Entwicklungswünsche, Rollenveränderungen und nächste Schritte sollten nicht nur grundsätzlich besprochen, sondern mit realistischen Vereinbarungen verbunden werden.

Keine vorschnellen Versprechen geben: Ein Gespräch über Bindung ist kein Anlass, Dinge zuzusagen, die später nicht eingehalten werden können. Verlässlichkeit ist wichtiger als eine schnelle Beruhigung.

Gespräche über Bleibegründe gehören vor die Kündigung

Viele Führungsgespräche drehen sich um Ziele, Aufgaben und Ergebnisse. Seltener wird gefragt, was eine Person im Unternehmen hält und was ihre Bindung schrittweise schwächt. Solche Gespräche sollten nicht erst stattfinden, wenn bereits ein konkreter Kündigungswunsch im Raum steht.

Hilfreiche Fragen sind:

„Was gibt dir in deiner aktuellen Arbeit Energie und was entzieht sie dir?“

„Was hat sich für dich in den vergangenen Monaten verändert?“

„Welche Themen hast du angesprochen, ohne dass für dich erkennbar etwas daraus geworden ist?“

„Wo fehlt dir aktuell eine realistische Perspektive?“

„Was müsste sich verändern, damit du auch in einem Jahr noch gern Teil des Teams bist?“

Nicht jede Antwort lässt sich sofort in eine Maßnahme übersetzen. Wichtig ist, zuzuhören, Erwartungen zu klären und anschließend sichtbar zu machen, welche Themen weiterverfolgt werden.

Aufmerksamkeit darf nicht zu Kontrolle werden

Weniger Beteiligung kann viele Gründe haben. Private Belastungen, gesundheitliche Themen, Erschöpfung, Konflikte, ein verändertes Aufgabengebiet oder schlicht eine ruhigere Phase können das Verhalten beeinflussen. Auch engagierte Mitarbeitende müssen nicht ständig zusätzliche Aufgaben übernehmen oder in jeder Besprechung besonders sichtbar sein.

Führung sollte Veränderungen deshalb weder überwachen noch vorschnell bewerten. Es geht nicht darum, aus jedem stillen Moment eine Kündigungsabsicht abzuleiten. Es geht darum, wiederkehrende Muster wahrzunehmen und eine Beziehung zu gestalten, in der Belastungen, Enttäuschungen und fehlende Perspektiven frühzeitig angesprochen werden können.

Fazit

Führung kann Kündigungen nicht immer verhindern. Manche Gründe liegen außerhalb ihres Einflusses, manche Entscheidungen sind bereits getroffen und nicht jede Trennung ist grundsätzlich negativ.

Sie kann aber psychologischen Rückzug früher wahrnehmen. Dafür reicht es nicht, nur auf Leistung und Ergebnisse zu schauen. Veränderungen in Beteiligung, Kommunikation und freiwilligen Beiträgen können Anlass für ein Gespräch sein, niemals jedoch Beweis für eine Kündigungsabsicht.

Zum Abschluss lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das eigene Team:

„Wer beteiligt sich deutlich weniger als früher?“

„Welche Probleme wurden mehrfach angesprochen?“

„Wo haben Mitarbeitende derzeit keine erkennbare Perspektive?“

„Wann sprechen wir über Bleibegründe, bevor jemand gehen möchte?“

Die Kündigung kommt manchmal plötzlich. Gute Führung beginnt deshalb nicht mit Spekulation, sondern mit Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und einem rechtzeitigen Gespräch.

Literatur:

Hom, P. W., Lee, T. W., Shaw, J. D. & Hausknecht, J. P. (2017). One hundred years of employee turnover theory and research. Journal of Applied Psychology, 102(3), 530–545.

Rubenstein, A. L., Eberly, M. B., Lee, T. W. & Mitchell, T. R. (2018). Surveying the forest: A meta-analysis, moderator investigation, and future-oriented discussion of the antecedents of voluntary employee turnover. Personnel Psychology, 71(1), 23–65.

Li, J. J., Lee, T. W., Mitchell, T. R., Hom, P. W. & Griffeth, R. W. (2016). The effects of proximal withdrawal states on job attitudes, job searching, intent to leave, and employee turnover. Journal of Applied Psychology, 101(10), 1436–1456.

Lotfi Dehkharghani, L., Paul, J., Maharati, Y. & Menzies, J. (2023). Employee silence in an organizational context: A review and research agenda. European Management Journal, 41(6), 1072–1085.

Guarin, A. D., Edwards, M. R., Townsend, K. & Wilkinson, A. (2025). Using a process model to develop and expand employee voice scales. Human Resource Management Journal, 35(3), 783–801.

Lainidi, O., Johnson, J., Griffin, B., Koutsimani, P., Mouratidis, C., Keyworth, C. & O’Connor, D. B. (2025). Associations between burnout, employee silence and voice: A systematic review and meta-analysis. Psychology & Health, Advance online publication.

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