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Wenn Führung zum Stressor wird: Was das Nervensystem im Team längst registriert

· 5 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Führung kann Orientierung geben, sie kann jedoch auch selbst zur Belastung werden. Besonders stressrelevant sind Situationen, in denen Prioritäten, Reaktionen oder Bewertungskriterien schwer vorhersehbar erscheinen, Mitarbeitende wenig Einfluss erleben oder Kritik als soziale Bedrohung wahrnehmen.
Der Beitrag erklärt, wie Unsicherheit und soziale Bewertung die Stressregulation beeinflussen und warum dadurch Aufmerksamkeit, Selbstregulation und komplexes Denken beeinträchtigt werden können. Konkrete Impulse zeigen, wie Führung durch Klarheit, Konsistenz und Handlungsspielraum zur Ressource wird.

Wenn Führung zum Stressor wird: Was das Nervensystem im Team längst registriert

Am Montag wird eine Aufgabe zur Priorität erklärt. Am Mittwoch gilt plötzlich etwas anderes. Eine Rückfrage, die gestern noch willkommen war, löst heute eine gereizte Reaktion aus. Kritik kommt spontan im Teammeeting, während die Kriterien für gute Leistung unklar bleiben.

Mit der Zeit beobachten Mitarbeitende nicht mehr nur ihre Aufgabe. Sie beobachten auch die Stimmung der Führungskraft. Sie sichern Entscheidungen stärker ab, formulieren vorsichtiger und überlegen genauer, wann sie ein Problem ansprechen.

Nicht nur Arbeitsmenge kann Stress erzeugen. Auch schwer vorhersehbares Führungsverhalten kann zum Belastungsfaktor werden.

Wann Führung für das Nervensystem stressrelevant wird

Das Nervensystem verarbeitet nicht nur, was gerade geschieht. Es versucht fortlaufend einzuschätzen, was als Nächstes zu erwarten ist und ob eine Situation beeinflusst werden kann. Vorhersagbarkeit und wahrgenommene Kontrolle helfen dabei, Reaktionen angemessen zu regulieren. Fehlen sie, kann die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Risiken und negative Signale gerichtet werden (Meyer et al., 2021).

Im Arbeitskontext kommt die soziale Bedeutung hinzu. Wer vor anderen kritisiert wird oder nicht weiß, woran Anerkennung, Status und Zugehörigkeit hängen, kann die Situation als soziale Bewertung erleben. Solche Situationen können sowohl das autonome Nervensystem als auch hormonelle Stressreaktionen aktivieren (Poppelaars et al., 2019). Das bedeutet nicht, dass jede Rückmeldung als Bedrohung wahrgenommen wird. Entscheidend ist, ob sie verständlich, beeinflussbar und sozial respektvoll erlebt wird.

Wenn Aufmerksamkeit für Absicherung gebraucht wird

Unter anhaltender Unsicherheit verschiebt sich der Fokus. Mitarbeitende prüfen häufiger, wie eine Aussage ankommen könnte, holen zusätzliche Freigaben ein oder vermeiden es, Fehler und Zweifel offen anzusprechen. Diese Absicherung ist kein Zeichen mangelnder Motivation. Sie kann ein nachvollziehbarer Versuch sein, negative Reaktionen zu vermeiden.

Stress kann zudem exekutive Funktionen beeinflussen, also Fähigkeiten wie Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und flexibles Wechseln zwischen Lösungswegen. Die Forschung zeigt dabei kein einfaches Entweder-oder. Kurzfristige Aktivierung kann Leistung unterstützen. Wie Stress wirkt, hängt unter anderem von Intensität, Dauer, Aufgabe und individuellen Voraussetzungen ab. Problematisch wird vor allem eine wiederkehrende Belastung, die kaum kontrollierbar erscheint (Plieger & Reuter, 2020).

Besonders relevant: inkonsistente Führung

Unter Druck verändert sich auch das Verhalten von Führungskräften. Unterstützung nimmt ab, Gereiztheit zu oder Erwartungen wechseln, ohne dass dies erklärt wird. In einer Befragung von 304 Beschäftigten ging eine stärkere wahrgenommene Diskrepanz zwischen Führung in ruhigen und belastenden Phasen mit höherer Beanspruchung der Mitarbeitenden einher. Zugleich wurden größere Inkonsistenzen berichtet, wenn die Führungskraft selbst als belastet erlebt wurde (Klebe et al., 2022).

Die Studie belegt keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung. Sie macht aber einen wichtigen Punkt sichtbar. Mitarbeitende brauchen zusätzliche Energie, wenn sie neben ihrer Aufgabe fortlaufend einschätzen müssen, welche Reaktion heute zu erwarten ist.

„Müssen Mitarbeitende in meinem Team nur ihre Aufgabe verstehen oder zusätzlich ständig meine Reaktion einschätzen?“

Führung kann Stressor oder Ressource sein

Klarheit schaffen: Formuliere Erwartungen, Verantwortlichkeiten und Bewertungskriterien so konkret, dass Mitarbeitende wissen, woran sie sind.

Veränderungen erklären: Wenn Prioritäten wechseln, benenne Anlass, Auswirkungen und den neuen Entscheidungsspielraum. Eine nachvollziehbare Änderung ist leichter zu verarbeiten als ein unerklärter Richtungswechsel.

Konsistenz erhöhen: Achte besonders unter Zeitdruck darauf, vergleichbare Situationen nach vergleichbaren Maßstäben zu behandeln. Wenn deine Reaktion unangemessen war, korrigiere sie offen.

Handlungsspielraum sichern: Kläre das Ziel und überlasse den Mitarbeitenden, wo möglich, wie sie es erreichen. Wer Einfluss auf das eigene Handeln hat, kann Belastungen häufig besser bewältigen.

Kritik respektvoll äußern: Sprich Verhalten konkret und möglichst unter vier Augen an. Vermeide unnötige Bloßstellung und trenne die Beobachtung von der Bewertung der Person.

Unterstützung sichtbar machen: Frage nicht nur nach Ergebnissen, sondern auch nach Belastung und benötigten Ressourcen. Emotionale und praktische Unterstützung gehören zu den Verhaltensweisen, mit denen Führung die psychische Gesundheit fördern kann (Hammer et al., 2024).

Worum es nicht geht

Gute Führung macht Arbeit nicht stressfrei. Zeitdruck, Konflikte und Unsicherheit gehören zu vielen Rollen. Menschen bewerten dieselbe Situation zudem unterschiedlich, und Führung ist nur einer von mehreren möglichen Belastungsfaktoren. Auch Arbeitsmenge, Prozesse und organisatorische Rahmenbedingungen müssen betrachtet werden. Psychologische Sicherheit bedeutet deshalb weder Konfliktfreiheit noch permanente Harmonie. Sie bedeutet, dass Fragen, Fehler und abweichende Perspektiven ohne unnötige soziale Bedrohung angesprochen werden können.

Reflexion

„Wie vorhersehbar ist mein Führungsverhalten für Mitarbeitende?“

„Wie verändert sich mein Verhalten unter Zeitdruck?“

„Wo erleben Mitarbeitende wenig Einfluss oder Orientierung?“

„Wie wird Kritik in meinem Team geäußert?“

Fazit

Führung wirkt nicht erst durch große Entscheidungen. Auch alltägliche Reaktionen prägen, ob Arbeit als verständlich und bewältigbar erlebt wird. Führung kann Unsicherheit nicht vollständig verhindern. Sie kann aber vermeiden, durch Unklarheit, Inkonsistenz und soziale Bloßstellung zusätzliche Anspannung zu erzeugen.

Literatur:

Klebe, L., Klug, K., & Felfe, J. (2022). When your boss is under pressure: On the relationships between leadership inconsistency, leader and follower strain. Frontiers in Psychology, 13, 816258.

Meyer, H. C., Sangha, S., Radley, J. J., LaLumiere, R. T., & Baratta, M. V. (2021). Environmental certainty influences the neural systems regulating responses to threat and stress. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 131, 1037–1055.

Poppelaars, E. S., Klackl, J., Pletzer, B., Wilhelm, F. H., & Jonas, E. (2019). Social-evaluative threat: Stress response stages and influences of biological sex and neuroticism. Psychoneuroendocrinology, 109, 104378.

Plieger, T., & Reuter, M. (2020). Stress & executive functioning: A review considering moderating factors. Neurobiology of Learning and Memory, 173, 107254.

Hammer, L. B., Dimoff, J., Mohr, C. D., & Allen, S. J. (2024). A framework for protecting and promoting employee mental health through supervisor supportive behaviors. Occupational Health Science, 8, 243–268.

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