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Wird der Egoismus hoffähig? Business braucht Verbindlichkeit

Vertrauen ist das höchste Gut der Kooperationen und des Businessalltags, denn um nachhaltig als Organisation agieren zu können, brauchen wir Verbindlichkeit von Geschäftspartnern. Wie wäre es, wenn Liefertermine und Vertragszusagen nicht eingehalten würden? Werte wie Verlässlichkeit empfinden wir als elementaren Bestandteil von vertrauensvollen Geschäftsbeziehungen. Doch in Politik und Business wird der Egoismus hoffähig. Gerade bei Young Professionals ist dieser Trend zu beobachten. Dies kann zwar für die eine Seite kurzfristig zum Erfolg führen, wird sich aber langfristig auf die Geschäftsbeziehung auswirken.

Bedeutet dies eine ethische Verwahrlosung?

Für HR Experten bringt dieser Trend unschöne Seiten zum Vorschein, nämlich die Vernachlässigung normativer Richtlinien und gesellschaftlicher Werte. Arbeitnehmer werden durch ihre Wahlfreiheiten zunehmend unberechenbarer und stellen dadurch eine Herausforderung für das Unternehmen dar. Verhandelte Jobangebote werden kurzfristig mit den Worten “Sorry, ich habe ein besseres Angebot erhalten” abgesagt.

Zudem haben sich die Prioritäten der Arbeitnehmer verschoben, wobei Erfolg höchstens nur noch auf gleicher Ebene mit Spaß und Freude an der Tätigkeit rangiert. War es früher noch undenkbar, von heute auf morgen aus dem Beruf auszusteigen, wird heute kurzfristig umdisponiert. Nicht nur bei der Einstellung neuer Fachkräfte, sondern auch bei der Bindung kompetenter Mitarbeiter und der Gestaltung der Führungsebenen müssen Personalmanager und Unternehmen dauerhaft damit rechnen, dass sich ihre (künftigen) Angestellten weitere Optionen offenhalten und möglicherweise kurzfristig aussteigen. Eigene Lebensmodelle und Prioritäten sind gesellschaftlichen Normen und alten Institutionen, wie z. B. Loyalität, zunehmend übergeordnet.

Gerade bei High Performern spielt diese Entwicklung eine zentrale Rolle. Während früher noch selbstverständlich eine Sprosse nach der nächsten auf der Karriereleiter genommen wurde, so ist der Ausstieg inzwischen stets eine Option. Dadurch wird die Rekrutierung kompetenter Mitarbeiter erheblich erschwert, denn diese handeln nach eigenen Spielregeln und werden somit nahezu unberechenbar.

Mehr Freiheiten für das Individuum

Was oftmals eher negativ als „Agilität in eigener Sache“ oder „radikale Freiheit“ bezeichnet wird, geht jedoch auch mit einigen Vorteilen für das Individuum einher. Eben jenes kann selbstbestimmt entscheiden, wie und wo es lebt, welchen Beruf es ergreift oder wann es eine Auszeit benötigt.

Die häufigen Jobwechsel ermöglichen dem Arbeitnehmer nicht nur Tätigkeiten zu beenden, sofern sie nicht mehr den eigenen Interessen und Wünschen entsprechen, sie erweitern auch die Employability – die Beschäftigungsfähigkeit – indem der Arbeitnehmer mehr Facetten kennenlernt. Im Zuge der Digitalisierung erreicht das Individuum durch die technische und damit soziale Vernetzung eine stärkere Autonomie und erhält völlig neue Marktzugänge.

Es gilt nicht länger, gesetzten Standards wie beispielsweise Job, Auto, Ehe und den Kindern gerecht zu werden, sondern seinen eigenen, für sich genau richtigen Weg zu finden. Dem Individuum stehen alle Türen offen, das Leben nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten.

Problematisch wird es allerdings, wenn mit der individuellen Freiheit und Autonomie gesellschaftliche Werte wie Ehrgefühl, Integrität und Loyalität verletzt werden, wenn Absprachen gebrochen und Verbindlichkeiten zu Gunsten eigener Ziele nicht eingehalten werden. An dieser Stelle bringt die Individualisierung Unsicherheit, Beliebigkeit sowie Willkür mit sich.

Wie kann damit umgegangen werden?

Individualisierung ist gut. Nichtsdestotrotz benötigen auch Unternehmen ein gewisses Maß an Verbindlichkeit. Insbesondere gut bezahlte Stellen und Führungspositionen sind vorrangig mit Pflichten verbunden, die es einzuhalten gilt. Die Aktualität individualistischer Werte sollte nicht im Widerspruch zu gesellschaftlichen Werten und Normen stehen. Nur wer Haltung bezieht sowie Freiheit und Pflicht miteinander vereinbaren kann, wird ein Vorbild sein.

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