Roth InstitutWissensjournal

Erfolgsfaktor Aussehen

Wer gute Arbeit leistet, bringt es weit im Leben – das wird Kindern schon von klein auf gepredigt, um sie zu Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz zu motivieren. Doch wie wichtig ist die erbrachte Leistung tatsächlich, wenn man die Karriereleiter hochklettern möchte? Erkenntnisse der Führungsforschung zeigen, dass bei der Auswahl von Führungskräften andere, nicht beeinflussbare Faktoren eine zentrale Rolle spielen.

Eigenschaftsansätze, wie die Great Man Theory, im Bereich der Führung galten eigentlich bereits seit den 1980ern als überholt. Dass die Leistung einer Gruppe ausschließlich von der natürlichen Persönlichkeit und den Eigenschaften der Führungskraft abhängig sei, vernachlässige situative Variablen wie zum Beispiel die Zufriedenheit der Mitarbeiter und deren Persönlichkeiten. Aufgrund dessen kam es zu zahlreichen Weiterentwicklungen der Führungstheorien, die heute vor allem in transformativen Führungsstilen münden. Letztere beziehen auch die Mitarbeiter mit ein, indem die Führungskräfte mit eben jenen in Interaktion treten, ihnen Sinn vermitteln, sie intrinsisch motivieren und die Werte ihrer Mitarbeiter verändern. Doch wie realitätsnah ist dieser theoretische Ansatz wirklich? Bestimmen die Kompetenzen und Leistungen der Führungskraft ihren beruflichen Erfolg oder spiegeln doch die anachronistischen Eigenschaftsansätze die Realität wider?

Agiles Arbeiten mit Post-its im Büro

Die Relevanz körperlicher Eigenschaften

Trotz guter Umsätze, einem leistungsstarken Team und motivierter Mitarbeiter mit geringem Krankheitsstand wird die Führungskraft, die in objektiv messbaren Zahlen gute Arbeit leistet, nicht befördert. Genauso ergeht es der Kollegin, die sich nicht erklären kann, wieso wieder jemand anderes Vorrang hatte, obwohl sie Spitzenleistungen erbracht hat.

Die Erklärung liefern Untersuchungen US-amerikanischer Forscher (Judge/Cable 2004): Es sind weniger Leidenschaft, Unternehmenszugehörigkeit oder Erfahrung als vielmehr angeborene Eigenschaften wie zum Beispiel die Körpergröße, Attraktivität, Männlichkeit oder eine tiefe Stimme, die die Karriere beeinflussen. So scheinen längst als überholt geltende Theorien noch heute Unternehmensalltag zu sein – auch wenn Unternehmen gerne anderes behaupten.

Zurückzuführen ist dies auf ganz intuitive Prozesse beim Menschen, die auf der Evolution gründen. Größe und eine tiefe Stimme drücken Macht und Stärke aus und fordern Respekt ein. Auch unsere Sprache unterstreicht dies durch Redensarten, wie zum Beispiel zu einem erfolgreichen Menschen aufzuschauen. Dadurch ordnen wir uns eher großen Menschen unter, sprechen ihnen Führungskompetenz zu und lassen uns von einer tiefen Stimme führen, denn Größe symbolisiert Dominanz. Dahinter kann auch eine gewisse sich selbsterfüllende Prophezeiung stehen. Wir neigen dazu, die Attribute zu übernehmen, die andere uns zuschreiben. Studien zufolge beeinflusse bereits jeder Zentimeter der Körpergröße sowohl bei Frauen als auch bei Männern das Bruttojahresgehalt.

Darüber hinaus werden attraktive Menschen bevorzugt behandelt. Attraktivität zahlt sich also wortwörtlich aus. Denn oftmals gilt: „was schön ist, ist auch gut“. Auf diese Weise werden schöne Menschen mit weiteren positiven Eigenschaften verbunden, was das Einkommen bis zu 40% steigern kann. Die Ursache dafür können ein größeres Selbstbewusstsein und gesteigerte kommunikative Fähigkeiten aufgrund der Attraktivität sein. Zu betonen ist hierbei, dass dies vor allem für Frauen in nicht-leitenden Positionen gilt. In Führungspositionen wirkt sich ein eher androgynes Auftreten also für Männer wie für Frauen positiv auf die Bezahlung aus.

Von besonderer Relevanz sind beim beruflichen Erfolg Sympathie und Vertrauen, die wir besonders für eben jene empfinden, die uns ähnlich sind. Das bedeutet, dass Manager vor allem jene befördern, die ihnen gleichen. Da früher vor allem Männer Führungspositionen übernahmen, ergibt sich auf diese Weise ein sich wiederholender Kreislauf.

Gespräch Mentor mit jungen Menschen

Wie schafft man Abhilfe?

Nichtsdestotrotz bedeutet dies nicht das Aus für kleine Menschen oder hohe Stimmen. Denn die falsche Besetzung von Führungspositionen allein aufgrund von Attraktivität oder Körpergröße können für das Unternehmen einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten und den Mitarbeitern des Unternehmens die Motivation, Gesundheit und Leistungskraft rauben – was gerade entscheidende Manager beachten sollten.

Es konnte neuerdings festgestellt werden, dass insbesondere Networking entscheidend für den beruflichen Erfolg ist (Barthauer/Kauffeld 2018). Verbindungen zu Mentoren und wichtigen Personen innerhalb sowie außerhalb des Unternehmens sind daher von besonderer Relevanz. Genauso wirkt es sich positiv auf die Karriere aus, proaktiv und extravertiert aufzutreten, offen für Veränderungen zu sein und flexibel mit neuen Situationen umzugehen. Außerdem relativiert ein gepflegtes Äußeres das Ergebnis zur Attraktivität sehr stark.

So sollten sich leitende Führungskräfte bewusst machen, dass körperliche Eigenschaften die Gehalts- und Beförderungsentscheidung unterbewusst beeinflussen können. Selbstreflektierend sollte sich die Frage gestellt werden, ob die Körpergröße mit Selbstvertrauen und Überzeugungskraft korreliert oder ob die Körpergröße hier unabhängig von anderen Prozessen agiert.

Geschieht die Stellenvergabe nach transparenten Prinzipien und mit dem Fokus auf erbrachten Leistungen, können fatale Fehler vermieden werden. Dabei sollte insbesondere die Passung von Stelle und Bewerber beachtet werden. Mit einer gezielten Führungskräfteentwicklung können erfolgsversprechende Faktoren weiter ausgebaut und vertieft werden.

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