Roth InstitutWissensjournal

Führen ohne Vorgesetztenfunktion

In der Praxis entsteht oft die Situation, dass jemand die Leitung von kleineren Teams oder Teilbereichen übernimmt, ohne dass diese Person offiziell zur Führungskraft erklärt wird. Besonders schwierig wird es, wenn dies auch noch ein ehemaliger Kollege ist.

In Projekten arbeiten Mitarbeiter aus verschiedensten Abteilungen zusammen. In

diesen kommt es häufig zu der Situation, dass die Leitung nicht von Führungskräften übernommen wird, sondern von Mitarbeitern, welche die nötigen Fachkenntnisse für das Projekt besitzen. Die ernannte Projektleitung nimmt dann eine Leitungsfunktion ein, verfügt allerdings über keinerlei Weisungsbefugnis über die anderen Projektteilnehmer, da sie in der Hierarchie nicht über den Mitarbeitern steht. Doch auch außerhalb von Projekten müssen sich Mitarbeiter immer öfter dieser Problematik stellen. Wie ist effiziente Führung trotz fehlender Vorgesetztenfunktion möglich? 

Agiles Arbeiten mit Post-its im Büro

Die Herausforderung

Die inoffizielle Führungsperson ist darauf angewiesen, dass Aufgaben von Mitarbeitern befolgt werden und gemäß der Abstimmung effektiv und im zeitlichen Rahmen bearbeitet werden. Sperrt sich ein Mitarbeiter dagegen oder handelt nicht nach dem vereinbarten Zeitplan, hat sie keinerlei Befugnis, Sanktionen zu verhängen. Die Herausforderung dabei besteht vor allem darin, dass dies den meisten Mitarbeitern bewusst ist und ausgenutzt werden kann. Außerdem treffen in Projekten durch die interdisziplinäre Projektstruktur Auffassungen und Meinungen aus verschiedensten Abteilungen aufeinander. So sind nicht nur persönliche Konflikte möglich, auch Zielkonflikte sind denkbar. Doch auch außerhalb von Projekten hat die inoffizielle Führungsperson nicht nur die Aufgabe, zu verhindern, dass Mitarbeiter entgegen den Anweisungen handeln, sondern muss auch darauf achten, dass keine Konflikte untereinander entstehen und dass die vereinbarten Ziele erreicht werden. So ist es besonders wichtig, das Arbeitsziel klar zu kommunizieren und Motivation zu schaffen.

Die Laterale Führung

Die Führung ohne Vorgesetztenfunktion, auch Laterale Führung genannt, muss besonders diese Herausforderungen bewältigen. Folgende Fähigkeiten können dabei erfolgsentscheidend sein:

  • Verantwortungsbereitschaft und Gewissenhaftigkeit (Vorbildfunktion)
  • Vertrauen in die eigenen Kräfte
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Belastbarkeit und Frustrationstoleranz
  • Initiative und Gestaltungswille
  • Delegationsfähigkeit
  • Konfliktbewältigung
  • Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft

Da die Laterale Führung sich nicht auf die disziplinäre Macht verlassen kann, müssen andere Maßnahmen ergriffen werden, um effizient führen zu können. So wird bei dieser Form der Führung vor allem auf das Vertrauen zwischen den Projektteilnehmern gesetzt. Von Vorteil ist dabei vor allem die Schaffung einer gemeinsamen Vision und die Wahrnehmung von individuellen Auffassungen und Werten.

Es sollte eine ausgeprägte Verantwortungsbereitschaft und Gewissenhaftigkeit

bei der Entwicklung der Führungsstrukturen vorhanden sein sowie die Fähigkeit

zu motivieren und Aufgaben zu delegieren. Ein ausgebildetes Expertenwissen und Informationskontrolle helfen außerdem dabei, die Projektteilnehmer untereinander zu vernetzen und zu koordinieren. Die Projektleitung schafft sich

so ihre eigene Entscheidungsbefugnis, ganz ohne Positionsautorität. Es entstehen ein gemeinsamer Denkrahmen und die Motivation, im Sinne des Projektes zu handeln. Sanktionen sind damit oft nicht mehr notwendig und es kann auch ohne Weisungsbefugnis geführt werden. 

Gespräch Mentor mit jungen Menschen

Instrumente der Lateralen Führung

Um auf Grundlage einer Vertrauensbasis führen zu können, ist das wichtigste Instrument der Lateralen Führung die Kommunikation. Ziele und einzelne Etappen des Projektes sollten transparent kommuniziert werden, um ein gemeinsames Zielverständnis zu schaffen. Kooperationsbeziehungen sollten aufgebaut und Interaktionen abgestimmt werden. Grundsätzlich sind unterschiedliche Meinungen der Projektteilnehmenden förderlich für den Erfolg des Projektes, da verschiedene Ansichten Potenziale zu neuen Lösungsansätzen bieten.

Ein weiteres Instrument der Lateralen Führungskraft kann das Delegieren von Verantwortung sein. Die Projektleitung sollte verantwortungsvolle Aufgaben übertragen, um gegenseitiges Vertrauen zu verdeutlichen. Das Handeln nach strengen Vorgaben kann demotivierend wirken, die eigenständige Handhabung von Aufgaben steigert dagegen die Leistungsbereitschaft.

Alle Projektteilnehmer sind gemeinsam verantwortlich für die Zielerreichung. Das Projektziel muss stets präsent sein und ist allem anderen übergeordnet. Dabei ist es wichtig, die Bedeutsamkeit des Projektes zu vermitteln. Sind die Mitarbeiter nicht von der Sinnhaftigkeit des Projektziels überzeugt, fehlt das nötige Engagement für die Zielerreichung. So sollte die Projektleitung die Rahmenbedingungen des Projektes so gestalten, dass das Projektziel im Vordergrund steht und die unterschiedlichen Interessen der Teilnehmer miteinander vereinbar sind. Die Entscheidung über die Vorgehensweise zur Erreichung des Projektziels, sollte vom Projektteam gemeinsam getroffen werden, um Integrität zu schaffen. Ratsam für die Projektleitung ist es außerdem, sich nicht auf die Funktion als Leitung zu berufen. Geführt werden kann auch ohne Hierarchie.

Werden diese Punkte beachtet und genannte Instrumente eingesetzt, ist Führung ohne Weisungsbefugnisse erfolgreich möglich. 

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