Roth InstitutWissensjournal

Agile Führungskultur und Mitarbeiterbindung
Von Google & Co. lernen

Die wichtigsten Ressourcen in einer Welt, in der Dienstleistungen einen großen Teil des Marktes ausmachen, stellen die Mitarbeiter dar. Diese werden regelmäßig mittels Studien befragt, wie zufrieden sie in ihren Unternehmen sind. So auch 2017 in einer Studie des Wirtschaftsmagazins Forbes, welches im Rahmen seiner Rangliste neben den größten börsennotierten Unternehmen auch den besten Arbeitgeber der Welt kürt. Wenig überraschend steht Google an oberster Stelle. Deren kreatives und wertschätzendes Arbeitsumfeld findet offensichtlich Anklang. Durch diese ganz bestimmte Arbeits- und Führungsphilosophie soll unter anderem dem in der Literatur als „innerliche Kündigung“ bezeichneten Phänomen entgegengewirkt werden. Hierbei ist gemeint, dass die Mitarbeiter innerlich bereits mit der Beschäftigung abgeschlossen haben und nur noch das Nötigste ihrer aufgetragenen Arbeiten erledigen. Dieses Auftreten ist häufig auf Schwächen im Führungsverhalten der Vorgesetzten zurückzuführen. Allerdings beeinflusst auch die Unternehmenskultur die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter. Das Hauptziel zur Mitarbeiterbindung der Arbeitgeber sollte somit sein, ihren Arbeitnehmern ein offenes und anerkennendes Umfeld anzubieten, in welches diese immer wieder gern zurückkommen. Doch macht dies allein die Faszination der „besten Unternehmen“ als potentielle Arbeitgeber aus?

Die Attraktivität der Big Player

Google steht bei verschiedensten Befragungen – insbesondere bei Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren – seit Jahren unangefochten an der Spitze. Doch auch andere Platzhirsche wie Microsoft und Apple sowie große Beratungsunternehmen wie Ernst & Young, KPMG, PwC und Deloitte sind sehr beliebt. Doch was haben all diese Unternehmen gemeinsam, dass sie vor allem auf junge Arbeitnehmer so interessant wirken? Kriterien, die weltweit attraktive Arbeitgeber ausmachen, sind insbesondere Innovation, Sicherheit, ein kreatives und dynamisches Arbeitsumfeld sowie Freiräume für berufliche und persönliche Weiterentwicklung. Auch spielt es eine immer größere Rolle, ob eine Firma zu dem Mitarbeiter und seinen Vorstellungen passt.

Insbesondere Google verkörpert, was sich die Generation Y für ihre Karriere wünscht. Die Prioritäten liegen nicht mehr bei hohen Gehältern und einer schnellen Karriere. Dafür sind kreatives Arbeiten, ein sicherer Job und ausreichend Freizeit von großer Bedeutung. Google ist vor allem dafür bekannt, die bestehenden technologischen Standards und Grenzen zu hinterfragen und Neues möglich zu machen.

Trotz des außerordentlichen Wachstums konnte das Unternehmen seine Startup-Mentalität wahren und punktet durch flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, gemütliche Sitzgelegenheiten und die Möglichkeit für jeden Mitarbeiter, sich einen Tag pro Woche an einem eigenen Projekt zu beteiligen. So fördert Google Ideen der Mitarbeiter, die häufig außerhalb des Arbeitskontextes entstehen und zu neuen Innovationen führen können. Diese Freiheiten und auch die Förderung von Eigenständigkeit und Verantwortung jedes Einzelnen, sind wichtige Faktoren für den Erfolg der Konzerne. Weiterhin bilden viele Mitarbeitervorzüge wie kostenloses Mittagessen, Massagen und stets gefüllte Kühlschränke einen Vorteil, mit denen Google vor allem junge Bewerber lockt. Hierdurch wird eine familiäre Wohlfühl-Atmosphäre geschaffen, die laut Googles Philosophie die Produktivität anregen soll. All diese gefälligen und teamkulturfördernden Aspekte können allerdings die Tatsache nicht aufwiegen, dass viele Angestellte nach ein paar Jahren das Unternehmen verlassen. So stellt sich die Frage, wie es trotz diverser Annehmlichkeiten dazu kommen kann?

New Work – nicht für Jedermann

Unumstritten lässt sich sagen, dass sich Google durch eine besonders stark ausgeprägte positive Team- und Unternehmenskultur auszeichnet. Dies scheint allerdings nicht jeden Mitarbeiter anzusprechen. Die Organisationskultur und die Bürogestaltung, die eher einem Spielplatz für Erwachsene gleicht, sind nicht für jeden Persönlichkeitstyp geeignet. Der dynamische Persönlichkeitstyp, welcher sich erst in einem innovativen und freien Umfeld so richtig entfalten kann, benötigt andere Prozesse als der stabile Persönlichkeitstyp, welcher eher klassische und geordnete Strukturen bevorzugt.

Dies könnte eine Erklärung für die hohe Fluktuation der Mitarbeiter des Google-Konzerns sein. Einer US-Umfrage zufolge beträgt die Beschäftigungsdauer bei Google nämlich im Median nur 1,1 Jahre. Das bedeutet, je 50 Prozent der Mitarbeiter gaben an, dort länger oder kürzer zu arbeiten. Laut einer Erhebung des Vergleichsportals Payscale ist Google somit eins der Unternehmen mit den niedrigsten Verweilzeiten bei 500 erhobenen US-Unternehmen. Dies könnte weiterhin an den niedrigeren Aufstiegschancen und der Flut an begonnenen und nicht beendeten Projekten liegen.

Die großen Konzerne sind vor allem deshalb beliebt, weil sie ein Sprungbrett für eine steile Karriere sind, was zeigt, dass Grundwerte wie Aufstiegschancen und die Aussicht auf Karriere auch in der Generation Y noch vertreten sind. Unterscheidungen muss man hierbei vor allem zwischen den einzelnen Nationen machen. Hier gehen die Meinungen der deutschen und der weltweit Befragten deutlich auseinander. In Deutschland wird mehr Sicherheit angestrebt, die aufgrund der Lage am Kapitalmarkt nicht immer gegeben ist. Daher fallen die „Big Four“ (EY, KPMG, PwC, Deloitte) im deutschen Ranking weit zurück.

Mitarbeiterbindung durch Agile Führung

Besonders starke (Arbeitgeber-) Marken beeinflussen darüber hinaus die Meinung der Arbeitnehmer. Die Marken der großen, beliebten Unternehmen verkörpern häufig Stabilität, Exklusivität und Innovation. Die weltbesten Unternehmen zeigen, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre und eine Leistungskultur sich bedingen und neben einer stark ausgeprägten Organisationskultur gemeinsam zu einer erhöhten Attraktivität beitragen.

Doch diese Faktoren alleine bringen noch keinen perfekten Arbeitsplatz. Gerade die Führungskräfte können maßgeblich dazu beitragen, dass die Mitarbeiter sich wohl fühlen und sich auch über das Minimum an Arbeit hinaus engagieren. Vor allem durch agile Elemente können eine hohe Mitarbeiterbindung erreicht und die Fehler der großen Konzerne vermieden werden.

  • Eine offene Fehlerkultur und Kollaboration sind wichtig, um eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen.
  • Eine gesteigerte Autonomie, flexible Arbeitszeitgestaltung und Verantwortung steigern die Produktivität der Arbeitnehmer.
  • Durch eine vorbildliche und empathische Führungsweise wird die Arbeitszufriedenheit erhöht.
  • Das richtige Erkennen und Fördern von Potentialen führt zu einer stärkeren Anbindung der Mitarbeiter an das Unternehmen.
  • Eigenverantwortliches Arbeiten in selbstorganisierten Teams steigert die Kreativität und das Vertrauen der Mitarbeiter ins Unternehmen.

Wie sich am Beispiel von Google zeigt, werden durch eine ausgeprägte und positive Unternehmenskultur sehr viele gut ausgebildete Bewerber angezogen. Wie sich letztlich allerdings zeigt, reichen diese innovations- und teamfördernden Maßnahmen allein nicht aus, um Mitarbeiter auch langfristig an das Unternehmen zu binden. Hierbei spielt vor allem eine agile Führungsweise eine entscheidende Rolle. Durch einen guten Führungsstil und eine agile Organisationskultur kann dem Phänomen der „innerlichen Kündigung“ entgegengewirkt und der Erfolg des Unternehmens ausgebaut werden.

Was wir dennoch von Google lernen können

Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Zielgruppe des Unternehmens in den Mittelpunkt zu stellen. Danach sollten sich alle Aktivitäten und Maßnahmen richten. Nicht umsonst wird viel Zeit und ggf. Geld in eine Zielgruppenanalyse investiert. Die Gelassenheit in Bezug auf den Perfektionsgrad von Innovationen kann von Google übernommen werden. Es geht nicht zwangsläufig darum, ein perfektes Produkt oder Projekt auf die Beine zu stellen, sondern vor allem um das Ausprobieren von etwas Neuem. Hierbei ist auch Schnelligkeit von Bedeutung, um erste Ansätze zu promoten und Erkenntnisse zu sammeln. Weiterhin kann der Grundsatz „Gemeinsam entwickeln“ bedenkenlos übernommen werden. Der Erfolg von Google wird auch dadurch geschaffen, dass die innovativen Ideen nicht immer nur aus den Innovationsteams kommen. Neue Erkenntnisse und Produktideen können somit aus den verschiedensten Quellen (und vor allem auch von diversen Mitarbeitern) entnommen werden. Auch aus den Bereichen Sport, Wissenschaft oder Technik können Innovationsideen stammen, wenn man hierfür offenbleibt.

Darüber hinaus spielt der Punkt „Datenbasierte Innovation mit aktiver Unterstützung“ eine wichtige Rolle. Oftmals fehlt es an verlässlichen Daten, auf die im Anschluss Neuentwicklungen aufgebaut werden können. Sie sollten sich noch stärker um verlässliche, nachvollziehbare und sinnvolle Daten kümmern, um mit ihnen eine Grundlage für weitere Entwicklungen zu schaffen. Zur Realisierung von Projekten sollte darüber hinaus der Mitarbeiter und das Unternehmen im Fokus stehen und aktiv unterstützt werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fehlertoleranz und die echte Leidenschaft. Diese zwei Aspekte sollten unbedingt in Ihre Firmenphilosophie übernommen werden. Das Akzeptieren von Fehlern und das schnelle Fortfahren zu neuen Projekten und Herausforderungen sind zwei der wichtigsten Grundprinzipien von Google. Betrachten Sie Fehler lieber als Optimierungsmöglichkeit und fördern Sie somit eine offene Auseinandersetzung und einen respektvollen Umgang.

Zusammenfassung:

Immer wieder werden von diversen Organisationen Rankings veröffentlicht, welche die besten Arbeitgeber der Welt küren. Nicht umsonst sind die so genannten Big Player immer wieder dieselben, die unangefochten an der Spitze stehen. Allen voran der Großkonzern Google. Mit ihrer Offenheit für Neues, ihren innovativen Ideen und ihrer agilen Unternehmenskultur ist und bleibt Google ein sehr attraktiver Arbeitsplatz. Dennoch reichten diese Aspekte oftmals nicht aus, um die Mitarbeiter auch nachhaltig an die Unternehmen zu binden. Hier spielt vor allem eine gute Führungsphilosophie eine entscheidende Rolle. Durch eine agile und offene Führung gewährleisten Sie somit, dass Ihre Mitarbeiter gern bei Ihnen bleiben und ein starkes organisationales Commitment erreicht wird.

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