Roth InstitutWissensjournal

Human Enhancement – Steigerung der persönlichen Leistungsfähigkeit

Der Wandel der globalisierten Arbeitswelt fordert Flexibilität, Anpassungs– und Widerstandsfähigkeit, um maximale Leistung erbringen zu können. Besonders bei Führungskräften steigt zudem kategorisch der Leistungsdruck. Diese Tat-sache führt zu der Idee einer natürlichen und auch künstlichen Steigerung der persönlichen Leistungsfähigkeit. So beschäftigen sich viele wissenschaftliche Disziplinen – von der Medizin bis zur Philosophie – mit den Facetten dieser Idee, um über den Nutzen und mögliche positive wie auch negative Folgen aufklären zu können.

Der Begriff „Human Enhancement“ (eng. für „Verbesserung des Menschen“) prägt die Debatte um die Leistungssteigerung. Der Begriff beschreibt die Erweiterung von Möglichkeiten und Fähigkeiten, also die Optimierung eines gesunden Individuums. Durch wissenschaftliche und technische Mittel können laut der Grundidee selbstbestimmt geistige und körperliche Weiterentwicklungen erreicht werden.

Zu den Instrumenten zählen:

  • Kognitives Training
  • Medikamente und andere Mittel
  • Gentechnische Verfahren
  • Biotechnologische Verfahren
  • Mechanische Erweiterungen des Körpers

Es gibt viele Forschungen und Publikationen zu diesem Thema. Unternehmen und auch das Militär nutzen diese Erkenntnisse und entwickeln teilweise Strategien zur systematischen Leistungssteigerung.

Human Enhancement in der Gegenwart

Doch bei dem Thema Leistungssteigerung kann auch schon klein anfangen werden, denn es reicht bereits das alltäg-liche Leben eines Menschen zu beobachten. Auch gesunde Menschen nehmen z.B. verschreibungspflichtige Medikamente oder illegale Drogen, um ihre Leistung zu steigern. Zu diesen zählen neben Kokain und Ecstasy auch Psychopharmaka wie Ritalin (Beruhigung und Konzentrations-steigerung) und Modafinil (stimulierend, erzeugt Wachzustände), die zum Beispiel auch vor wichtigen Meetings eingenommen werden. Auch auf Medikamente, die eigentlich für die Behandlung von Krank-heiten und nicht für den Gebrauch durch gesunde Menschen gedacht sind – z.B. wird Ritalin bei Menschen mit ADHS zur Aufmerksamkeitskontrolle angewendet – wird so zurückgegriffen.

Der DAK-Gesundheitsreport 2015 zeigte, dass in der Altersgruppe zwischen 20 und 50 ca. 6,7% der Berufstätigen Mittel zur Leistungssteigerung im Arbeits-kontext nehmen oder genommen haben.

Andererseits gibt es auch die Leistungsfähigkeit längerfristig verändernde Instrumente des Human Enhancement. Der amerikanische Unternehmer Bryan Johnson beispielsweise möchte die menschliche Intelligenz mit seiner Firma Kernel in einem bedeutenden Ausmaß erweitern. Mithilfe von Biotechnologie-Fonds und einem Startkapital von 100 Millionen Dollar plant er technische Mittel zur Steigerung der Gehirnfunktion. Seine Vision zielt auf den Transhumanismus, also eine durch künstliche Intelligenz dem biologischen Menschen überlegene Spezies.

Auch physische Leistungssteigerung durch das Verschmelzen von Technologie und Mensch ist Bestandteil aktueller Forschung und wird zum Teil bereits umgesetzt. So werden in vielen Unternehmen bereits Arbeiten mit Exoskeletten getestet. Dies sind Maschinen und tragbare Roboter, die am menschlichen Körper getragen werden und ihn so in körperlichen Bewegungen unterstützen und die Leistungsfähigkeit erhöhen. Bei dem Automobilhersteller Audi kommen beispielsweise bereits Hebehilfen oder der „Chairless Chair“, mit dem sich Mitarbeiter in der Montagehalle ohne Stuhl hinsetzen können, zum Einsatz.

Leistungsdruck als Motiv?

Ein Grund für den so verbreiteten Wunsch nach mehr Leistungs-fähigkeit können die veränderten Erwartungen in der heutigen Arbeitswelt darstellen. Durch die wachsende Bedeutung komplexer Tätigkeiten, den technologischen Fortschritt, die Globalisierung und die allgemeinen Veränderungen der Strukturen der Arbeit, kommt es zu immer größer werdenden psychischen Anforderungen im Arbeitsalltag. Ergebnis- und leistungsabhängige Bewertungen können so zu dem Wunsch nach Leistungs-steigerung beitragen.

Andererseits ist der Wunsch nach Optimierung und Erweiterung der mensch-lichen Möglichkeiten keine neue Erscheinung, sondern immer als eine grund-legende Eigenschaft unserer Spezies im Wesen des Menschen verankert gewesen. Auch in Filmen und Büchern werden Steigerungen der menschlichen Leistungsfähigkeit durch Medikamente und Technologien wie z.B. Exoskelette immer wieder thematisiert.

Eine realistische Zukunftsvision?

Wie bereits erwähnt, ist Human Enhancement schon in der Lebensrealität von Menschen angekommen. So sind gerade Medikamente schon bei Studierenden ein beliebtes Mittel, um die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Auch technische Instrumente, wie die erwähnten Exoskelette, werden in vielen Bereichen bereits genutzt, um Arbeiten leichter zu gestalten oder sogar über das Menschenmögliche hinauszugehen. Ein Ende der Forschung in diesem Bereich ist nicht abzusehen. Immer weitere Methoden werden von Unternehmen, dem Militär und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen untersucht, entwickelt und getestet.

Jedoch bewegen sich aktuelle Enhancement-Methoden noch eher im Bereich der vollen Ausschöpfung des menschlichen Potentials. Die Zukunftsvision der Transhumanisten involviert jedoch auch Technologien, die das derzeit für Menschen mögliche überwinden.

Kritische Würdigung

Zum Thema des Human Enhancement gibt es viele ethische Diskussionen. Befürworter sehen im Human Enhancement eine Möglichkeit der Selbstver-wirklichung, der Überbrückung sozialer Differenzen und eine Chance gleicher Teilhabe aller. Auch die Steigerung des Möglichen und schlicht die Verbesserung der eigenen Leistungen ist für viele ein Argument, das für Human Enhancement spricht.

Dagegen sprechen mögliche gesundheitliche Risiken für das Individuum sowie gegebenenfalls gesamtgesellschaftliche Negativ-Folgen einer durch Human Enhancement veränderten Bevölkerung. Auch die Möglichkeit der Milderung sozialer Ungleichheit wird von Kritikern in Frage gestellt. So könnten soziale Unterschiede durch Human Enhancement auch vergrößert werden. Human Enhancement könnte so ggf. aus finanziellen Gründen nur Menschen aus höheren sozialen Schichten zur Verfügung stehen und so die soziale Ungleichheit noch verstärken. Weiterhin stellen Kritiker zu Bedenken, dass in einer Leistungs-gesellschaft ein Druck entstehen könnte, sich „verbessernden“ Eingriffen zu unterziehen, unter dem die Entscheidungsautonomie des Individuums leiden könnte. Auch Überlegungen zur moralischen Richtigkeit und zum Wert eines „natürlichen“ Menschen spielen in der ethischen Diskussion um Human Enhancement eine Rolle.

Enhancement ohne Medikamente oder Roboter: Leistungsfähigkeit durch Resilienz

Ganz ohne die Einnahme von Tabletten oder ein Enhancement durch neue Technologien kann die Förderung der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit oder Resilienz eine Möglichkeit darstellen, die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen.

So bezeichnet Resilienz die lernabhängige Fähigkeit eines Individuums, erfolgreich mit Belastungen und Stress umzugehen, gegen diese also eine psychische Widerstandsfähigkeit zu besitzen. Während ein hohes und vor allem dauerhaftes Stresslevel zu einem Leistungsabfall und gesundheitlichen Konse-quenzen führen kann, kann eine positive Resilienz also über die Widerstands-fähigkeit gegen Stress zu mehr Leistungsfähigkeit führen.

Gefördert werden kann die eigene Resilienz durch den Aufbau von Schutz-faktoren im physischen, psychischen und sozialen Bereich. Zum Beispiel eine optimale Schlafdauer, eine aktive Herangehensweise an Probleme und der regel-mäßige Austausch mit Kollegen, auch über konkrete Stressoren, können so Maßnahmen zur Förderung der persönlichen psychischen Widerstandsfähigkeit, also Resilienz, darstellen. Dieses Thema kann heute schon unkompliziert in die Führungskräfteentwicklung integriert werden.

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