Roth InstitutWissensjournal

Rekruiting durch Maschinen, oder den Menschen

Künstliche Intelligenzen sind schon längst Teil unseres Alltags. Wir treffen auf sie in Form von Saug- oder Mährobotern, Übersetzungs-Software, Chatbots, und digitalen Assistenten wie beispielsweise Alexa oder Siri. Doch treffen wir bald auch in Vorstellungsgesprächen auf KIs?

Dies ist teilweise schon Realität. Die Software Precire beispielsweise erstellt nach einem kurzen Telefonat mit dem Bewerber ein ausführliches Persönlichkeitsprofil. Sinn und Zweck dieser Software ist es, Informationen bezüglich der persönlichen Passung für die zu vergebende Stelle zu erhalten.

Wie funktioniert diese Software?

Die Software analysiert verschiedene Elemente der Sprache wie z.B. die Komplexität der Sätze, Pausen, Verneinungen, Häufigkeiten von Wörtern oder Höhe und Lautstärke der Sprache. Um diese Kriterien zu ermitteln telefoniert die Software ca. 15 Minuten mit dem Bewerber. Dabei werden nicht nur Fragen zum Beruf gestellt, sondern auch zum Alltag oder Urlaub. Der Inhalt der Antworten ist für die Software allerdings uninteressant, sie wertet lediglich die sprachlichen Merkmale aus. Nach dem Telefonat erstellt die Sprach-Software ein individuelles Persönlichkeitsprofil, welches verschiedene Bereiche umfasst. So gibt es die Bereiche kommunikative Kompetenzen, stabile Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Kompetenzen. Ist ein Soll-Profil hinterlegt, prüft die Software anschließend die Passung des Bewerbers bzw. des Sprechers mit dem Soll-Profil.

Dabei soll es nach Aussage des Herstellers unbedeutend sein, ob ein Sprecher seine Stimme verstellt oder ähnliches, da das individuelle tiefliegende Sprachgerüst bestehen bleibt. Eine Manipulation soll aufgrund von 50.000 verschiedenen Parametern, die erfasst werden, so gut wie unmöglich sein.

Fraglicher Nutzen

Durch den Einsatz dieser Software ergeben sich sowohl für Unternehmen als auch für Bewerber Vorteile. So wird ein Persönlichkeitsprofil ohne Einbezug subjektiver Wertungen erstellt. Für den Computer sind Aussehen, Sympathie oder Herkunft irrelevant, er wertet die ermittelten Daten objektiv aus. Ein weiterer Vorteil ist, dass Bewerbungsprozesse durch Informationen zum Jobfit, also zur Passung von Bewerber und Arbeitsstelle, beschleunigt werden können, was in beidseitigem Interesse liegen dürfte. Allerdings ist das Verfahren überaus unpersönlich und das Telefonat mit einem Computer befremdlich. Daraus könnte sich ein Spannungsverhältnis zum Employer Branding ergeben, welches die Etablierung einer Arbeitgebermarke zum Ziel hat, denn eine computergesteuerte Personalauswahl könnte von Bewerbern als negativ bewertet werden und der emotionalen Bindung zwischen Arbeitgeber und -nehmer schaden. Somit könnte auch das Unternehmen insgesamt einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen, da es wenig vertrauensvoll wirkt, einen Computer die Personalentscheidungen treffen zu lassen und es schwerfällt, sich mit einer KI zu identifizieren. Dies könnte zu einer Verschlechterung der Effizienz der Personalrekrutierung und der Bewerberqualität führen.

Darüber hinaus ist das Konzept der Software kritisch zu betrachten, da es sich überwiegend auf die kognitiv-sprachliche Ebene der Persönlichkeit bezieht. Allerdings setzt sich die Persönlichkeit nicht nur aus dieser, sondern aus drei weiteren Ebenen, nämlich einer unteren, einer mittleren und einer oberen Ebene zusammen. Aus der unteren Ebene bildet sich unser Temperament, auf der mittleren Ebene findet die emotionale Konditionierung statt und die obere Ebene beinhaltet die Sozialisierung, also beispielsweise Moral, Empathie und Gewissen. Der kognitiv-sprachliche Bereich arbeitet jedoch unabhängig, weshalb ein über Sprachanalyse erstelltes Persönlichkeitsprofil nicht die gesamte Persönlichkeit eines Bewerbers analysieren kann, sondern bestenfalls einen Ausschnitt davon. Außerdem stellen neurobiologische Vorgänge einen großen Faktor der Persönlichkeit dar. So wirkt sich das Selbstberuhigungssystem auf verschiedene Persönlichkeitsmerkmale wie Nervosität aus. Zusätzlich ist fraglich, wie die Analyse-Software einen Sprecher mit Störungen in der Sprachproduktion bewertet, da dieser in seinem Sprechen Defizite aufweist. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Tatsache, dass auch para- und nonverbale Aspekte, wie Blickbewegung, Gestik und Mimik, durch die Software nicht erfasst werden. Diese geben ebenfalls Auskunft über die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen ist dementsprechend höchst komplex. Dieser Grenzen sollte man sich bei dem Gebrauch einer solchen künstlichen Intelligenz bewusst sein. Darüber hinaus steht die Forschung bezüglich Sprache und Persönlichkeit noch ganz am Anfang, dementsprechend existieren zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr wenige wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema.

Sind Bewerbungsgespräche mit künstlichen Intelligenzen die Zukunft?

Es gibt bereits einige Unternehmen, die die Software im Rekrutierungsprozess einsetzen und das jeweilige Persönlichkeitsprofil im Entscheidungsprozess heranziehen. Hierzu muss allerdings angemerkt werden, dass die Bewerbungsgespräche im ersten Schritt weiterhin von Menschen durchgeführt werden und die künstliche Intelligenz lediglich eine Ergänzung des gesamten Prozesses darstellt. Die Bewerber sollten allein aus Gründen der Candidate Experience über die Hintergründe und den Nutzen des Tools informiert werden, weshalb menschliche Recruiter auch in Zukunft nicht aus dem Personalauswahlprozess wegzudenken sind.

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